Ich wurde gebeten meine Geschichte auf Papier zu bringen, also schreibe ich zum ersten Mal nieder, wie ich zu mir wurde – über die Jahre hat niemand die ganze Geschichte erfahren; Freunde, Bekannte und Partner erhielten stets die, von mir für notwendigen erachteten, Bruchstücke meiner Vergangenheit um mein Verhalten oder meine Art zufriedenstellend zu erklären. Keiner erhielt jedoch alle Teile zu diesem Puzzle, hätten sie sich alle abgesprochen wäre vielleicht ein vollständiges Mosaik entstanden, dies ist jedoch nie geschehen.

Es begann wohl wesentlich früher, als ich mir bewusst bin, auch heute noch, obwohl ich bereits viel über mich erarbeitet und herausgefunden habe. Schon in meiner Kindheit war klar, dass ich morbide Interessen hatte, im Vergleich zu „den Anderen“ war ich stets eher in mich gekehrt und beschäftigt mit den großen Fragen nach der Sinnhaftigkeit der Existenz, nach meinem Inneren, nach Tod und Leben… und fasziniert von Blut, nie abgestoßen, stets angezogen. Wenn ich mich verletzte, leckte ich das Blut stets wie selbstverständlich ab, dabei hatte sich aber auch nie etwas in mir geregt, es war schließlich mein eigenes Blut – der Geschmack gefiel mir, das war aber auch schon alles.

Erst machte ich mir wenig Gedanken darüber, nahm es als gegeben und als einen Teil meiner Selbst.

Ich habe natürlich auch sämtliche Vampirgeschichten, die ich finden konnte gelesen, sämtliche Filme gesehen und sie auch durchaus genossen – allerdings war es nie unter dem Aspekt dass ich „so sein will“ oder mich anderweitig über die Maßen damit identifiziert hätte… diese Geschichten waren nur ein weiterer Punkt auf der Liste meiner eher düsteren Interessen.

Meinen ersten festen Partner lernte ich online kennen, wie das heutzutage eben oft passiert, wir fanden eine Verbindung über gemeinsame Interessen und beschlossen, uns zu treffen. Soweit so gut, ich wusste bereits dass er an ähnlichen dunklen Themen Gefallen fand, war mir aber aufgrund meiner mangelnden Erfahrung, meiner Naivität und Verliebtheit, nicht ganz im Klaren, wie sich dies alles bei ihm manifestiert hatte.

Er war von Anfang an sehr forsch und fordernd, was ich mit seiner – die meinige bei weitem überschreitende – Erfahrung in Verbindung brachte, sowohl sexueller als auch emotionaler Natur. Ich ließ mich also leiten, unwissend was ich selbst will oder nicht will, unwissend, was für mich bereichernd wäre. Die ersten Tage mit ihm verliefen friedlich, ich lernte viel über ihn und mich, fühlte mich nicht bedroht sondern aufgeregt und bis über beide Ohren verliebt.

Die dunkle Wendung, die das Ganze nahm, kam für mich durchaus überraschend – wenn auch nicht gänzlich unvorhergesehen, da ich – im Nachhinein wurde mir dies klarer – schon eine Ahnung hatte, woher, vermag ich nicht zu sagen.

Eines Abends also hatte er eine Klinge in der Hand, eines seiner liebsten Messer, mit Hingabe scharf geschliffen – nur für mich, wie er sagte. Als die Messerschneide ihre feurige Verbindung mit meiner kühlen Haut herstellte, erstarrte ich, von dem süßen Schmerz und meinen gemischten Gefühlen übermannt. Ich war der Meinung, dass er auf mich aufpassen würde – vertraute ihm völlig, auch wenn ich völliges Neuland betrat in diesem Augenblick.

Die Schnitte wurden tiefer und zahlreicher, viel tiefer und zahlreicher als es nötig gewesen wäre .. und schließlich begann er mein Blut zu trinken. Ich ließ es geschehen, von der Veränderung seiner Persönlichkeit in diesem Moment erstaunt. Nachdem er sich bedient hatte, lehnte er sich zurück und schnitt sich selbst in den Unterarm, drängte mir sein Blut auf, drückte die Wunde an meine Lippen – und wie ferngesteuert öffnete ich den Mund und trank das Blut, welches mir so aufgedrängt wurde. In diesem Moment blieb in meinem Kopf kein Platz für all die Fragen die nachher umso deutlicher auf mich einprasselten: wieso tat er das? Wieso ging er scheinbar davon aus, dass ich das wollen würde? War ihm egal, ob ich es wollte? Was gab ihm das .. und was wollte er mir geben?

In dem Moment war nur ein dunkles, dröhnendes Wummern in meinem Kopf und meiner Brust und eine Kraft entfaltete sich in mir, die mich vor mir selbst zurückschrecken ließ. Ich hatte schon immer geahnt, dass in mir etwas schlummert – sehr tief – aber in diesen Augenblicken wurde mir klar, dass ich mich völlig ver- und unterschätzt hatte.

Obgleich die Situation als sehr missbräuchlich angesehen werden kann (und das tat ich auch die längste Zeit), so ist mir nach dieser Beziehung – nach diesem Abend, nach diesem Erlebnis – klar geworden, dass Blut in mir eine Reaktion auslöst, die ich mir nicht erklären konnte und über die ich einige Zeit mit niemandem sprach. Denn was in mir losgebrochen war in dem Moment als sein Blut meine Lippen benetzte, war schockierend, unheimlich und vor allem völlig verrückt.

So sah ich mich lange Jahre: als verrückt.

Weder konnte ich erklären, was Blut mir gibt, noch wollte ich es verstehen, ich wollte es hauptsächlich vergessen – was natürlich, wie man sich unschwer denken kann, nicht funktioniert hat. Immer wieder, teilweise mit grausamer Kraft, brach es in mein Bewusstsein.

Ich habe Situationen vermieden, in denen ich dem Blut von Fremden ausgesetzt sein könnte, denn alleine der Anblick reichte aus, um die Erinnerungen sehr deutlich an die Oberfläche zu holen.

Meine Gewaltphantasien sind immer schon Teil meiner Vorstellungswelt gewesen, diese wurden nun phasenweise stärker, dann wieder schwächer – außerdem fluktuierten meine Aggressionen ebenso zyklisch wie der Durst.

Meine Ablenkungsstrategien waren dabei genauso sinnlos wie destruktiv, ich versuchte mich in Alkohol zu ertränken, nahm Drogen, um der Realität zumindest für einige wertvolle Stunden zu entfliehen, feierte mich in die Bewusstlosigkeit, kurzum: ich ließ keinen Stein auf dem anderen, so sehr wollte ich mir selbst entkommen. Gleichzeitig flatterten mir Bruchstücke meiner Selbst durch den Kopf, ich versuchte mich zu kategorisieren, herauszufinden WAS ich bin – denn dass irgendetwas nicht „normal“ war, war mir völlig klar. Diese Phase in meinem Leben hat garantiert nicht nur mit meinem Erwachen zu tun, geholfen hat es aber natürlich nicht, dass dieser Prozess sich bisweilen mit schwindelerregender Geschwindigkeit vollzog – scheinbar ohne mein wissentliches Zutun.

Ich ließ mich voll in diverse Schubladen fallen nur um dann festzustellen, dass keines der existierenden Konzepte zu passen schien. Ich gab mir Namen, nur um zu merken, dass mir keiner gefiel, geschweige denn passend war. Ich fand Gleichgesinnte, verlor sie aus den Augen, fand neue Bekannte, behielt sie in meinem Herzen und in meinem Leben. Wirklich im Reinen war ich nach all der Zeit, die seit dem „Anstoß“ vergangen war, immer noch nicht mit mir – ich hatte eben auch viel Zeit damit verbracht vor meinem eigenen Schatten wegzulaufen nur um dann völlig außer Atem und am Limit festzustellen, dass er sich nicht abhängen lässt. Viele der Kontakte, die ich hätte halten und haben können, ließ ich mehr oder minder unbewusst absichtlich im Sand verlaufen, weil das Ganze zu nahe an meiner „Problemzone“ war. Durch die Konfrontation mit bereits erwachten, aktiv den Vampyrismus auslebenden Personen wurde ich noch mehr mit meiner eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert.

Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem sich der Leidensdruck ins Unermessliche steigerte und ich wusste, dass sich etwas ändern muss. Meine Strategien hatten auf ganzer Länge versagt, mein „Problem“ gab es immer noch und ich wusste insgeheim schon, was ich tun musste.

Diverse radikale Änderungen später – weniger Suchtmittel, mehr Meditation, weniger Ablenkung, mehr Reflektion – war ich auf dem besten Weg, schubladenlos glücklich zu werden. Die meisten der „gängigen“ vampyrischen Konzepte konnte ich für mich nicht bestätigen, was aber viel weniger problematisch wurde, als ich zuvor befürchtet hatte. Meine Natur in Worte zu fassen gelingt mir immer noch nicht ausreichend, aber es ist völlig in den Hintergrund getreten: anstelle der schamhaften Abneigung gegenüber mir selbst trat eine ausgeglichene Ruhe und eine Akzeptanz auch der schlechten Seiten.

Den Prozess des Erwachens betrachte ich als abgeschlossen, die Entwicklung meines Wesens wird wohl nie ganz beendet sein, vielmehr bringt jeder Tag neue Entdeckungen.

Die vielen Aspekte meines „Wesens“ sind in meinen Alltag integriert, des Öfteren stoßen sich meine Mitmenschen an diesen für sie nicht-nachvollziehbaren, zu andersartigen Charakterzügen, aber im Großen und Ganzen ergibt sich auch für die, die nicht eingeweiht sind ein rundes Bild – „so ist sie eben“. Anders als früher habe ich sogar gelernt aus meinem Anders-Sein Profit zu schlagen. Ich kann meine ausgeprägte Empathie einsetzen, um Positives zu bewirken und meine Willenskraft  kann ich in einer Weise kanalisieren, die es mir erlaubt auch sehr hochgesteckte Ziele fast mühelos zu erreichen. Aus dem Destruktiven heraus entstanden, zeigten sich ganz andere Blüten meiner Selbst als ich je zu hoffen erwartet hatte.