Die Trennung von Verstand und GefĂĽhl

Was C.G. Jung mit Vampyren zu tun hat. 

 

Gerade lese ich Jung. Ein kluger Mann, der mir allein seiner revolutionären und der Masse entgegengesetzten Denkweise seiner Zeit, gefällt. Er stellte sich mit seinen Thesen, nach anfänglicher Zurückhaltung, sogar gegen seinen Freund und Lehrer Freud. Er war ein Zeitreisender, der es wagte zurückzublicken und so eine neue Zukunft erschuf – mit seinen Ideen zum Unbewussten. In einer Zeit, in der die Psychologie noch in den Kinderschuhen steckte und das Unbewusste als verdrängter und nicht eigenständiger Teil der Persönlichkeit betrachtet wurde, zeichnete sich eine Wende im Umgang mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen ab. 

Menschen, die zuvor alles mit sich selbst ausmachen mussten, vertrauten sich selbst wieder und ergründeten einen neuen Zugang zu sich selbst. Es galt die durch den übermäßigen Gebrauch von Verstand und Konvention antrainierte Denkweise zu überwinden – nicht alles konnte/kann und wollte/will rational erklärt sein.

Jung führt hierfür gerne „Primitive“ als Beispiel an, Urvölker, die noch größtenteils so leb(t)en, wie die „zivilisierte“ Welt es selbst noch vor einigen Jahrhunderten und Jahrtausenden tat, ehe der Verstand und seine Werkzeuge zum neuen gelobten Land wurden. Bevor Worte und abstrakte Begriffe gefühlsbetonte und bildreiche Symbole und Bilder ablösten – und wir den Zugang zum eigenen Unbewussten zuschütteten. Logik und die Fähigkeit zur Abstraktion brachten uns stattdessen die Eisenbahn und das Smartphone.

Gewiss hat uns der Fortschritt unglaubliche Reichtümer beschert: Keiner von uns hier (Zentraleuropa…) muss hungern, niemand muss sich langweilen, jeder kann seinem Wunschberuf nachgehen, Hobbies pflegen, lernen und lieben, wen er möchte (idealerweise…).

Doch der Preis scheint hoch zu gewesen zu sein. Um unser Denken in Bahnen zu lenken, mussten wir eine Sprache kreieren, die v.a. Platz fĂĽr gemeinsam verwendete Definitionen wie „Transmitter“ oder „Ultraschall“ ermöglichen sollte. Doch dafĂĽr mussten Symbole, Bilder und Emotion weichen. Das Zwiegespräch mit der eigenen Umwelt? – undenkbar! Niemand spricht heute mit einem Stein ohne schräg angesehen zu werden. Jene, die es tun und somit einen Teil ihres Selbst in diesem Gespräch entdecken, sind eine Minderheit, die von einer verkopften Mehrheit ohne Zugang zu sich selbst belächelt werden – wer ist jetzt dumm?

Seine These dazu spricht von Projektionen auf die Umwelt, die uns wiederum einen Spiegel vorzuhalten vermag.

 

Ein Beispiel:„Die weise Eiche rät zu einem weiteren Kind? Sicher, machen wir!“ heißt so viel wie: „Ich wünsche mir ein weiteres Kind, aber erst durch die außerbewusste Projektion auf eine außenstehende Entität, kann ich es mir selbst erlauben – dem Rat der Mutter Erde sollte man Folge leisten.

 

Mittlerweile grenzte der Mensch seine Emotionen und Instinkte jedoch zugunsten anderer stärker materiell gewichteter Gegenstände aus. Ich will nicht undankbar erscheinen. Alles davon hat seinen Wert. Ich bin glücklich über mein Bett und den vollen Kühlschrank. Aber ich trauere auch um all die lebendigen Farben und um die Welt, deren Zugang ich mir Stück für Stück selbst zurück erkämpfen muss.

Jung beschreibt mithilfe eines Beispiels, wodurch Instinkt und GefĂĽhl ersetzt wurden:

 

In früheren Zeiten, als instinktive Vorstellungen im Geist des Menschen auftauchten, konnte sein Bewusstsein diese in ein zusammenhängendes Muster integrieren. Aber der „ziviliserte“ Mensch kann das nicht mehr. Sein „fortschrittlihes“ Bewusstsein hat sich selbst aller Mittel beraubt, durch welche die hilfreichen Beiträge der Instinkte und des Unbewussten assimiliert werden könnten (Anm. meinerseits: Gemeint ist, dass der Mensch unbewusste Strömungen nicht mehr wahrnimmt oder schlimmer noch, wahrnimmt, nicht aber in sein Wesen und somit seine Handlungen integrieren kann). (…)Heute sprechen wir zum Beispiel von „Materie“. Wir beschreiben ihre physikalischen Eigenschaften. Wir führen Laborexperimente durch, um einige ihrer Aspekte zu zeigen. Aber das Wort „Materie“ bleibt ein trockener, unmenschlicher und rein intellektueller Begriff, der für uns keine psychische Bedeutung hat.Wie anders war dagegen das frühere Bild der Materie – der Großen Mutter -, welches die tiefe emotionale Bedeutung der Mutter Erde ausdrückte. (…)

Ich erkenne mich darin – ich erkenne, dass ich mich nicht erkenne und auch nicht die Welt. 

Wie oft stolpere ich über ein Gefühl, das ich nur mittelmäßig durch Worte zum Ausdruck bringen kann. Wie viele Metaphern braucht es einem anderen ein Erlebnis in allen Farben nahe zu bringen – und wichtiger noch – wer macht sich diese Mühe überhaupt noch? 

Unzählige Male kapitulierte ich vor dem Aufwand mich mitzuteilen, aus gesellschaftlichen Konventionen heraus („das macht man nicht!“), des Aufwandes wegen („Wie mache ich ihm das begreiflich?“) oder auch weil ich schlicht daran scheitere mein ganzes Wesen wahrzunehmen („Was will ich wirklich?“).

Tja, und was hat das mit Vampyrismus zu tun? 

Alles.

Die eigentliche Frage lautet, womit hat dieser Verlust der eigenen menschlichen Identität und diesem großen Teil der Psyche nichts zu tun?! 

Mein innerer Vampyr steht sinnbildlich für einen Teil von mir, der wahrgenommen werden möchte. Etwas wühlt sich durch mich hindurch, sendet Hinweise und fleht um Aufmerksamkeit – und ich versuche es wahrzunehmen und nicht immer wieder von mir zu stoßen, „weil sich das nicht gehört“.

Meine Aufgabe lautet also hin und wieder Worte Worte sein zu lassen, Gefühlen nachzuspüren, Bildern und Träumen eine Bedeutung zukommen zu lassen, die ihnen gebührt, Instinkten zu vertrauen.

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