Scham war hier und da in meinem Blog schon ein Thema. Es handelt sich dabei für gewöhnlich ja nicht um das angenehmste Gefühl – und doch muss ich feststellen, dass es mehr als glühende Wangen und ein Ziehen im Magen bedeutet. Scham ist ein schillerndes Gefühl, Fluch und Segen zugleich.

Scham – Fluch und Segen

Scham kennen wir alle seit Kindertagen. Es ist ein angeborener Affekt und somit unabhängig von Kultur und Sozialisierung ein uns allen gegebenes Vergnügen.

Allerdings bestimmen die beiden zuletzt genannten Variablen, was uns die Schamesröte ins Gesicht treibt.

Als jemand, der in einer deutschkulturell geprägten Gesellschaft sozialisiert wurde, habe ich mich mit Vorliebe für Aggression oder Traurigkeit, also für „ungewollte, dunkle“ Gefühle, geschämt. Während mir ein Fleck auf dem Hemd oder eine „unangepasste“ Frisur eher ein Lächeln ins Gesicht zauberten (ob der Reaktion anderer). Provokation spielt also mit der Scham anderer.

Die Stärke der Ausprägung des GefĂĽhls ist wiederum nicht losgelöst vom persönlichen Umfeld zu betrachten – so wie wenige emotionale Geschehnisse als monokausal zu betrachten sind. Meine familiäre Vorgeschichte tat sicher ihr ĂĽbriges, um mich eher verschlossen wirken zu lassen und GefĂĽhle als Privatsache anzusehen – doch ich wäre keine Erwachende, wĂĽrde ich mir nicht Gedanken darĂĽber machen, woher meine Scham rĂĽhrt und was sie mir ĂĽber mich selbst erzählen möchte.

 

Scham und ihre Wirkung

In meiner Zeit als Erwachende war Scham von Beginn an mein Begleiter. Hartnäckig kam es auf, wann immer ich an den Konsum von Blut dachte – diese Verhaltens“anomalie“ wurde von mir mal humorvoll, mal abwertend, aber insgeheim immer ablehnend bewertet.

Je nach Tagesform erklärte ich das Verlangen als „abstrusen Fetisch“, „ungewöhnliche Neigung“, sachlich als „Devianz“ oder auch abwertend als „Störung“.

Zu Beginn stand immer die Ablehnung des „Blutdurstes“, einem Gefühl, das nicht soziokonform antrainiert oder mustergültig vorgelebt worden war, und also exploriert und erst in ein moralisches Konstrukt eingefasst werden musste. Niemand hatte mich auf die „Idee“ gebracht Blut zu konsumieren, niemand in meinem Umfeld ging dieser Lebensart nach (zumindest nicht, dass ich wüsste), also fing ich für mich bei Null an.

Und obwohl ich Erfahrung damit hatte aufzufallen, entweder durch mein Äußeres oder durch mein Verhalten, so stellte mich der Blutdurst auf die Probe in Sachen Selbstliebe und -akzeptanz. Dinge, die ich der Scham als Schild hätte entgegenstellen können, mussten gefunden werden.

Anfangs hoffte ich schlicht, das Geheimnis einfach bewahren zu können. Niemand zwang mich dazu mich zu outen, niemand verlangte von mir der Sache überhaupt nachzugehen.

Gleichzeitig löste die Vorstellung mich zu outen (wohlgemerkt nur den Engsten) jedoch eine Sehnsucht nach Akzeptanz und innerem Frieden aus, die ich hoffte durch andere zu erlangen.

Mit der Zeit wurde mir klar, dass ich mich erst selbst akzeptieren musste, um anschließend und wenn, dann optional, andere einweihen zu können. Ich hatte den Spieß umzudrehen.

Und mit der Zeit wurde ich mir meiner Sache bewusster, ich hatte Höhen und Tiefen, wie sie so viele andere in meiner Lage bereits kennen, und fand schließlich einen Weg das Verlangen weitestgehend zu integrieren. Als es daran ging einem anderen davon zu erzählen, spielte dessen Akzeptanz aber gar keine Rolle mehr! Wen juckte, was ein anderer dachte?

Meine Sehnsucht nach Akzeptanz konnte ĂĽberhaupt erst gestillt werden, als ich mich und mein Verlangen annehmen konnte.

Bemerkenswert, wie oft man manche Lektionen wiederholt ehe man sie verinnerlicht.

Mein Rat an alle, die ihn hören möchten: Frag dich, ob es dich stören würde, wenn ein geliebter Mensch gerne Blut trinken würde oder ersatzweise BDSMer oder schwul ist. Lautet die Antwort nein, dann frag dich mal: Warum bitte misst du mit zweierlei Maß?!

 

Sich selbst verzeihen

Ich sage mir immer, dass ich alles, was ich so treibe, seinen Grund hat und ich es im Nachhinein sowieso nicht ändern kann. In dem Moment habe ich unter Zuhilfenahme der mentalen und emotionalen Instrumente gehandelt, die mir zur Verfügung standen. Wie also sollte ich meinem vergangenen Ich nicht verzeihen können, wenn es sich mal schön irgendwo in die Nesseln gesetzt hat?

Im Rückblick schleicht sich dennoch gerne Scham in mein Gefühlsleben – ich scheine eine Obsession mit ihm zu haben oder es mit mir.

Und auch wenn es klingt, als sei ich mit dem Thema durch, kann ich voller Stolz behaupten – nö! Ist nicht so.

Mein Verlangen ist nicht wirklich im Griff und wenn es mich von hinten packt, ist sein Zwilling, die Scham, derjenige, der mir die Luft zum Atmen rauben kann. Aber ich wachse daran und weiĂź, dass es sich legen wird, mit jedem Schritt, den ich auf mein Ziel hin mache.

 

Scham und Schutz

Scham ist ein spannendes  Gefühl, es kann überwältigen, tragen, man kann damit spielen, es provozieren – und man kann so viel dabei lernen. Schade, dass dieses Gefühl so abgewertet wird. Besprecht euch mal mit einem Sub, der die Füße seiner Herrin ehrt (abgesehen von vielen weiteren spannenden Ebenen, die dieser Akt anspricht) nach seinen Motiven. Warum Füße? Ist es vielleicht Scham, die ihn reizt?

Hier wandelt sich ein unangenehmes Ziehen in ein wohliges Kribbeln.

Menschen, die  Scham zu ihrem eigenen Vergnügen einzusetzen wissen, erweitern ihren emotionalen Horizont. Sie nehmen einer Emotion den Stachel, die die Gesellschaft als schadhaft abkanzelt und verurteilt.

Die ihr innewohnende Schutzwirkung kann sich aber auch gegen einen selbst richten.

Das Gefühl der Scham versetzt uns in die Lage unser Verhalten so anzupassen, dass wir eben nicht auffallen. Soziale Angepasstheit – sind wir mal ehrlich – ist äußerst bequem! Man kann regelrecht von der Bildfläche verschwinden, ungesehen, anonym… in ihrer schlimmsten Ausprägung jedoch kann sie auch einen völligen Rückzug bedeuten.

Sie stellt sicher, dass wir angenommen werden und somit den Schutz durch die eigene Gruppe nicht verlieren. Sie ist evolutionär absolut sinnvoll, doch wir haben neue Möglichkeiten über sie nachzudenken. Wir können tradierten Umgang verlernen und neue Wege gehen.

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