Mein Erwachen ist nur sehr schwer für mich einzugrenzen. Es war ein Prozess, den ich so meisterlich behindert habe, dass er sich über 10 Jahre hinzog.

Ich bin glücklich aufgewachsen in einer kleinen Stadt, mit Eltern, Bruder, Großeltern und Onkel unter einem Dach. Die Welt war sicher und behütet und ich fühlte mich geliebt. Eine Welt aus Familienabenden, Umarmungen, heißem Kakao und vorgelesenen Geschichten zum Einschlafen. Lange wusste ich gar nicht, dass es Kinder gibt, deren Familien zerrüttet sind. Allein in der Grundschule ein Scheidungskind kennenzulernen war für mich wie ein Erlebnis aus einer anderen Welt. Ich war neugierig, abenteuerlustig, war eins dieser wenigen Kinder, die am ersten Morgen im Kindergarten nicht weinten, die erkundeten und ständig den Tellerrand suchten, um darüber zu schauen.


Mein Zuhause jedoch… war ein Disneyland. Die Rollen waren traditionell verteilt. Man sprach selten über Negatives, Politisches oder Außergewöhnliches… Und ich merkte früh, dass ich mehr zu der komplizierten unbekannten Welt gehörte als ihnen lieb gewesen wäre. Trotzdem war es ein schönes, ein warmes Zuhause.
Mein erstes Erlebnis mit Blut war ein Hamsterbiss. Als ich ca. acht Jahre alt war, verbiss er sich in meinen Zeigefinger und ich beobachtete danach lange fasziniert, wie sich ein kleiner See aus Blut in meinem Handteller bildete und schlürfte diesen schließlich auf. Es war berauschend und mein kleines Herz schlug mir bis zum Hals. Am liebsten wäre ich zu meiner Mutter gerannt, um ihr davon zu erzählen. Ich stoppte mich jedoch und legte das Erlebnis in meiner inneren Kiste ab. 
Ich hatte nie Angst vor mir oder Ekel oder hielt mich für etwas Schlechtes sondern merkte einfach instinktiv, dass weder Zeitpunkt noch Umstände stimmten, um mich weiter damit auseinanderzusetzen. Ich weiß nicht, was genau es auslöste, dass ich mir eine innere Kiste anschaffte in der ich alles gut und sicher versteckte, das Potenzial hatte anzuecken. Vielleicht hatte ich einfach schon immer ein sehr gutes Gespür dafür was, wo und wie eine Chance auf Akzeptanz hatte… oder glaubte das zumindest.
Und so saß ich oft stundenlang bei Musik in meinem Zimmer, fuhr endlos lang alleine Fahrrad oder spazierte Abends durch den Wald und träumte von dem Tag, an dem ich mich endlich trauen würde Andere einen Blick in die Kiste werfen zu lassen. Ich erfreute mich an Details, die andere gar nicht bemerkten, wie Ameisen, die einen Stamm hinaufliefen, oder die Form eines Blattes. Manchmal stand ich einfach im Wald und umarmte einen Baum, genoss es zu spüren, dass er lebte. Ich war mehr in meiner eigenen Welt zuhause als in der realen. Dort konnte ich ganz ich sein und abenteuerlichen oder auch einfach mal blutigen Gedanken nachhängen ohne in Habachtstellung sein zu müssen. 
Allein dieses Verhalten verschaffte mir spätestens auf der weiterführenden Schule den Ruf seltsam zu sein. Zusätzlich war ich auch ein sehr kränkliches Kind. Mein Kreislauf war ständig an der Grenze zum umfallen. Ich war häufig leichenblass und verlangsamt.
Da Kinder und besonders Jugendliche wundervolle Geschöpfe sind, wurde ich auch schnell das Opfer von Mobbing Attacken. Das war streckenweise schlimm, jedoch erträglich, da ich nicht alleine war. Ich schloss mich einer Gruppe aus Hochbegabten, Nerds und Mädels mit Problemen zuhause an. Wir waren Außenseiter, jeder auf seine Weise, und gingen offensiv damit um. Wo die coolen Kids auf Partys gingen und sich betranken, fachsimpelten wir auf meiner Couch stundenlang über StarTrek und die politischen Wirren der Föderation, spielten Pen&Paper Rollenspiele, veranstalteten Gläserrücken im Keller oder schworen uns bei einer brennenden Kerze Seelenverwandtschaft. Wir schrieben sogar kleine Comics über uns. Ich war darin ein untotes Alien – noch Fragen? 
Unter meinen Freundinnen gelang es mir tatsächlich den Deckel leicht anzuheben, ganz leicht. Ich weiß noch, dass ich ihnen von einem Bluttraum von mir erzählte, in dem ich als Vampir das Blut eines Menschen trank. Was ich nicht erzählte war das euphorische Gefühl nach dem Aufwachen und der Geschmack von Blut auf der Zunge, der mich fast wahnsinnig gemacht hatte. Doch vielleicht hätte ich mich auch das irgendwann getraut, wenn es mir nicht zunehmend schlechter gegangen wäre. 
Mit zunehmendem Alter fiel es mir immer schwerer den Deckel auf der Kiste zu halten. In mir wuchs ein enormer Druck mich damit auseinandersetzen zu müssen, was da nun schon so lange in mir schwelte. Die Situation, dass keiner mein Innerstes wirklich kannte, nichtmal mehr ich, wurde zunehmend unerträglich. Ich fasste einen Plan, ging mit 16 Jahren für ein halbes Jahr in die USA mit dem festen Vorsatz dort Selbstbewusstsein zu tanken und die Kiste nach meiner Rückkehr Stück für Stück auszupacken. 
Es ging schief. 
So schief, wie es nur hätte laufen können. 
Ich hatte den Deckel nur leicht angehoben, nur deutlich gemacht, dass ich künftig neue eigene Wege gehen wollte, da wollten meine Eltern schon ihre ruhige immer lächelnde Tochter von vorher zurück und gaben meinem ersten Freund die ganze Schuld an meinen „Veränderungen“. 
Es ist nicht schön, wenn eine sonst so liebevolle Mutter schreiend den ersten Freund aus dem Haus schmeißt anstatt mich in den Arm zu nehmen und zu fragen was los ist oder der Vater vor einem steht: „Als Mama sagte: Es ist ein Mädchen, wolltest du doch oder? Da habe ich ja gesagt.“ und mit Tränen in den Augen weggeht. Ich war schon immer sehr empathisch, litt mit allen in meinem Umfeld mit, die wegen mir litten, keine Schilde, keine Strategie damit umzugehen… eine Abwärtsspirale. Ich wurde schnell immer zurückgezogener, was es nicht besser machte. Zu erfahren, dass mein Bruder, zu dem ich vorher ein so enges Verhältnis hatte, wegen mir in der Schule gehänselt wurde stach mir ins Herz. Er ging auf Distanz. Sie konnten damals nicht anders… eine schrecklich überfordernde Situation für alle Beteiligten. Disneyland brannte. Wir waren alle so verzweifelt und verletzt und es blieb mir im Hals stecken, was wirklich mit mir los war, soweit ich das damals überhaupt schon formulieren konnte. Es wurde utopisch jemals so etwas wie Blutdurst ansprechen zu können und ich brach langsam und stetig zusammen, fühlte mich unendlich einsam. Meine Freunde fragten, was mit mir los sei, die Lehrer überschütteten mich mit Vorwürfen, während meine Noten langsam ins Nirvana glitten. Ich sagte höchstens „Es ist kompliziert.“ oder einfach gar nichts. 
Ich wollte nur noch weg.
Ich brach die Schule nach der 12. Klasse ab. Während meine Eltern und mein Bruder im Urlaub waren, mieteten ich und mein damaliger Freund einen kleinen Transporter, räumten mein Zimmer leer und mieteten uns in einer Stadt im Ruhrpott eine Wohnung. 
Es folgten fast zwei Jahre weitestgehende Funkstille zu meiner Familie. Ich hatte binnen weniger Monate meine Schulbildung geschmissen, meine komplette Familie und alle meine Freunde verloren. Das einzige, was mir blieb war eine kränkelnde Beziehung, die 4 der 6 Jahre lediglich noch eine Zweckgemeinschaft darstellte. 
Die Kiste fest zuzuhalten wurde zu einer verkrampften Gewohnheit. All meine Kraft vergeudete ich dafür, konnte kaum mehr sprechen, keinem Menschen in die Augen blicken. Ich hatte keinen Blutdurst mehr, fühlte einfach gar nichts mehr. Es war nichts mehr von mir da. Ein vollkommen energieleerer innerer Winter. 
Ich fiel in eine lebensgefährliche depressive Phase. 
Es gab Momente, da dachte ich sehr konkret daran mich umzubringen, sprach mit Nothotlines, googelte die schmerzlosesten Arten, um zu sterben, dachte jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit daran, wie es wäre mich vor die Bahn zu werfen. Manchmal hielt mich nur die Sorge um den Bahnfahrer davon ab. Ich taumelte tiefer und tiefer nach unten… und hatte wohl endlich keine Kraft mehr die Kiste zuzuhalten.
Angesichts meines damaligen Zustands ist es vollkommen verrückt, dass es mir von einem auf den anderen Moment so viel besser ging, aber so war es. Ich hab in den Spiegel geguckt und MICH gesehen. Die Blutträume kehrten zurück, zogen sich sogar in den Tag. Blitzartig verwandelte sich das Badewasser vor meinem inneren Auge zu Blut und ich schloss die Augen und tauchte tief darin ein. 
Ich hasste das triggernde daran und liebte es gleichzeitig, weil es zu mir gehörte. Ich hatte es vermisst. Ich gab meinem Erwachen endlich eine Chance.
Mein Freund und ich beendeten die Beziehung und ich fing neu an. In meiner ganz ersten eigenen Wohnung leckte ich meine Wunden und machte mich auf die Suche. Begriffe wie „Vampyr“ oder „Sanguinarian“ sagten mir damals noch gar nichts und da ich mit einem Modem an einem einzigen Rechner im Haus aufgewachsen war, hielten sich meine Suchtalente nach Gleichgesinnten in Grenzen. Ich wusste nicht, dass es andere gab, die so waren wie ich. Wenn ich nach „Vampir“ googelte beschlich mich ständig die Angst an Realitätsflüchtlinge oder sektenartige Strukturen zu geraten. Hinzu kam die stets präsente Stimme in meinem Hinterkopf, die mir zu verstehen gab: Da ist nichts, du spinnst bloß. 
Ich tauchte tief in die Gothic-Szene, erkundete mich, probierte dies und jenes aus und hielt Augen und Ohren offen. 
Es war eine Ansammlung glücklicher Zufälle, dass ich schließlich eine vampyrische Gemeinschaft fand, die mich mit so offenen Armen begrüßte, dass es mich anfangs geradezu überforderte. Endlich hatte ich einen Begriff für das, was mit mir los war. „Vampyrismus“.
In der Gemeinschaft lernte ich einen Mann kennen und lieben, der mir zum ersten mal richtig spendete. Wir taten es mit einer Rasierklinge am Rücken. Mein erster Versuch scheiterte, weil ich es einfach nicht über mich bringen konnte ihn zu schneiden. Während ich deswegen total durstig und getriggert Rotz und Wasser heulte, kochte er mir einen Tee und nahm mich in den Arm. Ich fühlte mich so unendlich verstanden und angenommen.
Am nächsten Tag war der Durst größer als meine Hemmungen und es klappte. Ich weiß noch, dass ich, kurz bevor meine Lippen die Haut berührten dachte „Und jetzt wirst du gleich merken, dass das all die Jahre nur Einbildung war.“ Dann berührten diese herben elektrisierend prickelnden Tropfen meine Zunge und kribbelten sich durch jede meiner Zellen. Ich war ganz und gar bei mir angekommen. 

Mein Bestreben seid jüngster Kindheit mein Erwachen zu unterdrücken hat mich fast umgebracht und unzählige Menschen verletzt. Das ist für mich bis heute ein erschreckender und ernüchternder Gedanke. Genauso, dass Vampyrismus von Anfang an zu eben jenen essentiellen Bestandteilen zu gehören schien, die mich ausmachten und daher ihren Platz in der Kiste fanden. Das ist kein Hobby, oder etwas, dass man mal ausprobiert, kein Kick, den man sucht, weil man Vampire mag. Ich habe keine Ahnung, wo es herkommt… hatte ich einfach Sehnsucht nach außergewöhnlichen düsteren Welten, wo meine Kindheit so harmonisch war? Aber warum Blut? Warum wegen einer Sehnsucht so leiden? Und warum ist meine erste heftige Erinnerung mit Blutkonsum so etwas Triviales wie ein Hamster-biss? … unterm Strich spielt das alles aber auch keine Rolle. Mir geht es gut.
So langwierig und schmerzhaft mein Erwachen auch war, was danach kam will ich um nichts in der Welt missen. 
Ich hatte wieder Kraft. Meine Gesundheit verbesserte sich stetig. Ich habe keine Erklärung dafür, außer dass eine gesunde Psyche und das Finden einer inneren Mitte sich sicherlich positiv auf die Gesundheit auswirken. Die depressiven Gefühle von damals sind niemals mehr wieder gekommen. 
Ich fand Gleichgesinnte und weitere Spender, die für mich zur Familie wurden.
Ich habe nochmal studiert und gehe heute meinem Traumberuf nach. 
Zu meinen Eltern habe ich wieder Kontakt. Sie werden nie ganz verstehen, was da damals passiert ist, oder was ich mittlerweile alles treibe, aber sie freuen sich ehrlich, wenn ich sie besuchen komme. Sie sehen, dass es mir gut geht und dass ich glücklich bin und das reicht ihnen. Sie fragen nicht nach. Ich werde noch immer so herzlich umarmt wie zu Kindertagen und ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Jedes Jahr zu Weihnachten besuche ich ihr „Disneyland“ und genieße es sehr. 
Ab und zu hatte ich sogar wieder mit alten Freundinnen Kontakt. Vielleicht vertiefe ich das nochmal… manchmal frage ich mich schon, ob ich so manchem Menschen in meinem Leben nicht wenigstens die Chance hätte geben sollen mich zu verstehen anstatt einfach zu gehen. Das hängt mir nach. Wird es wohl auch immer.
Und jener Mann, der mir zum allerersten Mal Blut gab? Den werde ich nächstes Jahr nach 10 Jahren Beziehung heiraten. 
Mein Leben ist schön… und es schmeckt ausgezeichnet. 

 

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